Kannst du als Klient in der Therapie Fehler machen?

Was ich in der Praxis sehe und warum ich sage: komm so, wie du bist!

Schon einmal vorne weg: Nein. Du kannst als Klient ohne Therapieerfahrung nichts falsch machen. Es gibt kein Richtig, kein Falsch – nur dich, so wie du gerade bist. Was dir im Weg stehen kann, sind nicht „Fehler”, sondern die Haltung, mit der du vielleicht in die Sitzung kommst: der Anspruch, alles richtig machen zu müssen, zum Beispiel. Oder die Angst, dass alles zusammenbricht, wenn du erst einmal anfängst.

Wir alle wollen das, was wir tun, auch gut machen. Manchmal tun wir Dinge aber auch nicht, weil wir wissen, dass nicht genügend Zeit oder Energie da ist, um am Ende ein befriedigendes Ergebnis zu bekommen. Ich habe z.B. noch nie eine echte Lasagne gemacht (mit Bechamel und Fleischsoße). Das Wissen darum, wie viele Töpfe danach geschrubbt werden müssen, das Verhältnis von Zeit und Aufwand, bis das Essen auf dem Tisch steht, zu der Zeit, in der es aufgegessen wird, steht für mich in keinem Verhältnis. Bei mir gibt es deswegen, wenn überhaupt, nur die Sparvariante, sollte es doch einmal Reste geben, die verwertet werden wollen. (Ich wurde aber auch schon mit Lasagne bekocht – und werte es als absoluten Liebesbeweis!)

Perfekt oder gar nicht

Es gibt aber auch Menschen mit einem so hohen Anspruch an Perfektion an sich selbst, die sehr harsch mit sich umgehen, weil gut nie gut genug ist. Und die aus diesem Grund Dinge nicht tun. Warum sollte ich mich zu einem Wettbewerb anmelden, den ich nicht gewinnen kann? Warum soll ich überhaupt meine Malsachen auspacken, wenn das Bild, das ich male, nie so schön sein wird wie das, das ich vor meinem inneren Auge habe?

Perfektion ist der Feind des Guten, heißt es. Aber das zu wissen hilft nicht weiter. Für manche Menschen ist ein Fehler nicht einfach ein Fehler. Er kann sich im Inneren anfühlen, als stünden Zugehörigkeit, Sicherheit oder der eigene Wert auf dem Spiel. Und das „genug” lebt in ihrem eigenen Inneren und kann nie erreicht werden.

Wenn du an diesem verinnerlichten Perfektionismus leidest, kann es auch schwer fallen, Hilfe anzunehmen. Denn was, wenn ich auch dort versage? Wenn ich nicht abliefere in der Therapie und Fehler mache? Oder das Leben macht überhaupt keine 180-Grad-Wende und ist nach der Therapie super. Dann ist es vielleicht leichter mit dem Gedanken zu leben: Mir kann sowieso keiner helfen.

Da stellt sich die Frage: Kann ich als „Neuling” in der Therapie überhaupt etwas falsch machen?

„Natürlich nicht!” will ich hier ganz laut rufen. Du kommst so, wie du bist. Ich bin entspannt damit, ich weiß, dass es einfach ein wenig dauert, neue Erfahrungen zu machen, neue neuronale Verknüpfungen anzulegen, Frieden mit sich und der eigenen Lebensgeschichte zu schließen.

Ich weiß aber auch: diese Antwort ist unbefriedigend, in erster Linie deswegen, weil es ja nicht um mich geht. Du suchst für dich den Punkt, wo du entspannt in der Sitzung sein kannst.

Ich muss alles richtig machen

Also schauen wir hin: was kann dir im Weg stehen?

Ich habe ja schon gesagt: du kannst keine „Fehler” machen, aber deine Haltung kann dir im Weg stehen. Das kann tatsächlich Konfliktpotential in sich tragen.

Nehmen wir zum Beispiel die Überzeugung „ich muss alles richtig machen”. Diese Überzeugung kann sehr früh entstehen. Vielleicht wurde auf Fehler bei dir mit Kritik, Enttäuschung oder Liebesentzug reagiert. Vielleicht hast du gelernt, dass Anerkennung vor allem dann kommt, wenn du etwas gut machst. Und spätestens in der Schule wird Leistung sichtbar bewertet: richtig, falsch, bestanden, nicht bestanden. So kann sich tief einprägen: Ich bin sicher, wenn ich es richtig mache.

Kein Wunder also, wenn ein Teil in dir Angst hat, Zeit zu verplempern. Dann bereitest du dich vielleicht mit Stichworten vor, damit du nichts vergisst, entschuldigst dich, wenn sich Gefühle zeigen. Aber Therapie ist kein Leistungsraum. Gelingende Therapie hat nichts mit Perfektion zu tun. Sondern mit Ehrlichkeit. Und wirklich ehrlich mit sich zu sein erfordert Mut. Mut, der sich entwickeln darf, wenn ich begreife, dass es eine Überlebensstrategie war – oder doch zumindest ein erlerntes Muster – alles richtig machen zu wollen. Dein System signalisiert „Gefahr”, wenn du etwas nicht richtig machst. Das lässt sich nicht einfach wegdenken.

Mit mir stimmt etwas nicht

Sehr viele Menschen tragen auch folgende Überzeugung in sich: mit mir stimmt etwas nicht. Ich muss repariert werden.

Und dann liegt es nahe, mit genau dieser Erwartung auch in eine Therapie zu kommen: Da muss doch jemand sein, der weiß, was mit mir los ist. Jemand, der herausfindet, was kaputt ist, und es wieder in Ordnung bringt. Ich kann diesen Wunsch verstehen. Wenn wir leiden, wollen wir, dass es aufhört. Am besten schnell. Und es kann entlastend wirken, die Verantwortung erst einmal an den „Experten” abzugeben und ihn machen zu lassen.

Aber gerade wenn es um den eigenen Körper, die eigene Psyche geht, dürfen wir zum Experten unserer selbst werden. Nicht im Sinne von: Ich muss jetzt alles alleine können und wissen. Sondern indem ich lerne, mich selbst besser wahrzunehmen und zu verstehen: Was passiert gerade in mir? Was brauche ich? Was ist zu viel? Was tut mir gut?

Ab in die Inspektion?

Was ich damit sagen will: Ja, natürlich wäre es schön, wenn es jemanden gäbe, der schnell Abhilfe schaffen kann, wenn wir leiden. Aber Traumatherapie ist keine Reparaturwerkstatt. In erster Linie deswegen, weil es nichts zu reparieren gibt, wenn es um Bindungstrauma geht.

Viele Symptome, die im Zusammenhang mit Bindungs- und Entwicklungstrauma auftreten können – etwa Dissoziation, Freeze, starke innere Anspannung oder Erschöpfung –, lassen sich auch als Schutzreaktionen eines Nervensystems verstehen, das einmal gute Gründe hatte, auf diese Weise zu reagieren.

Therapie ist der Beziehungsraum, in dem du zum Experten deiner selbst werden kannst. Der Raum, in dem du die Sicherheit und Unterstützung bekommst, etwas Neues zu lernen. Das mag dir am Anfang langsam vorkommen, vielleicht auch mühsam. Aber Veränderung darf langsam sein.

Wenn ich anfange, bricht alles auseinander

Einer der häufigsten unausgesprochenen Gedanken ist: Wenn ich erst einmal anfange, bricht alles auseinander. Die Angst vor dem, was sich zeigen könnte, ist oft übermächtig. Denn was würde das denn heißen, wenn ich nicht mehr funktioniere? Wenn alles hochkommt und ich in der Folge alles verliere? Vielleicht sorgst du dich um Menschen, die von dir abhängig sind oder es fehlt dir jemand, der dich auffangen könnte. Vielleicht musstest du immer stark sein, warst von klein auf auf dich allein gestellt. Ich kann verstehen, dass du Angst hast. Therapie ist Neuland.

Allerdings: so dramatisch, wie Therapie in Büchern und vor allem Filmen oft dargestellt wird, geht es nicht zu. Therapie wird meist erst gesucht, wenn sich alles schon wackelig anfühlt. Niemand ist daran interessiert, dass du zusammenbrichst, niemand arbeitet gegen dein Funktionieren. Gute Traumatherapie hat Stabilisierung im Blick.

Das heißt nicht, dass Therapie sich immer angenehm anfühlt oder niemals etwas in Bewegung bringt. Aber du musst nicht über deine Grenzen gehen, damit Therapie „funktioniert”.

Nichts wird aufgerissen, es wird nicht gebohrt. In der Traumatherapie geht es nicht darum, in der Vergangenheit zu wühlen, Ereignisse und Fakten zusammenzutragen. Du bist heute da. Wir schauen immer wieder neu: was kann dein System halten? Welche neuen Erfahrungen kannst du machen? Wo kann sich etwas entwickeln?

Das muss doch schneller gehen

Beim einen früher, beim anderen später kommt dann oft der Gedanke: das muss schneller gehen! Du warst schon vier Mal da, aber du fühlst dich immer noch schnell am Limit, du bist immer noch einsam, du bekommst Druck und – je nach Persönlichkeit – fragst du dich: mache ich etwas falsch? Oder ist der Therapeut inkompetent?

Doch wenn Muster und Schutzreaktionen dich seit 20 oder 30 oder 40 Jahren begleiten, wäre es ziemlich viel verlangt, von dir und deinem Körper zu erwarten, dass nach vier Sitzungen alles anders ist.

Veränderung darf Zeit brauchen. Nicht, weil du dich nicht genug anstrengst. Sondern weil etwas, das wirklich Teil deines Lebens werden soll, Erfahrung und Wiederholung braucht.

Therapie ist kein Sprint. Sie ist ein Zeichen dafür, dass du dich ernst nimmst, und das nicht nur drei Monate lang. Dabei sind Veränderungen oft unspektakulär: Wer immer Rückenschmerzen hatte, ist auf Schmerz ausgerichtet, den nimmt er leicht wahr. Wenn aber die Rückenschmerzen weg sind, kann es dauern, bis das ins Bewusstsein sinkt. Aber bloß weil etwas klein ist, ist es nicht unwichtig. Zwar immer noch schnell zu explodieren, aber schneller zurückzufinden, ist ein Erfolg. Zu merken, dass du angespannt bist, bevor du Kopfschmerzen bekommst, ist ein Fortschritt. Solche Veränderungen wirken vielleicht klein, können für dein Erleben aber einen entscheidenden Unterschied machen.

Gefühle gehören dazu und sind willkommen

Bindungstrauma zeigt sich auch darin, wie wir in Beziehung gehen – auch zu unserem Therapeuten. Hier musst du nicht gefallen oder möglichst wenig anstrengend sein. Du sollst Zweifel, Wut oder Irritation nicht herunterschlucken. Ganz im Gegenteil: wenn du dich unverstanden, nicht gesehen fühlst oder dich ärgerst, dann ist das kein Störfaktor.

Die therapeutische Beziehung kann ein Ort sein, an dem du die Erfahrung machst: Ich darf Irritation, Wut oder Enttäuschung ansprechen, ohne dass Beziehung deshalb sofort zerbrechen muss. Das kann die Beziehung sein, in der du lernst, mit Konflikten anders umzugehen und diese Erfahrung kannst du mitnehmen in alle anderen Beziehungen.

Du kommst so, wie du bist

Kommen wir zurück zu der Frage: kann ich als Therapieneuling Fehler machen?

Die Antwort ist immer noch nein. Du kommst, so wie du bist. Und so bist du auch willkommen. Das ist dein Ausgangspunkt. Therapie ist nicht für perfekte Menschen, sondern für ehrliche. Was „ehrlich” für dich heißt, finden wir heraus. Du musst nichts „richtig” machen.

Für den Anfang reicht ein Wunsch nach Veränderung. Nach einem „Mehr” – wie auch immer dieses Mehr für dich gefüllt werden will. Vielleicht weißt du noch gar nicht genau, wonach du suchst. Vielleicht weißt du nur, dass du nicht mehr nur funktionieren möchtest.

Am Ende hilft alles Nachdenken über Fehler nichts, wenn du es nicht ausprobierst. Manche Antworten entstehen erst in der Erfahrung. Ich freue mich, wenn du dich meldest – so, wie du bist.

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