Hier in Deutschland sagt man ja nicht so einfach „Ich liebe dich“. In meiner Kindheit gab es auch kein „Hab dich lieb“, wie es jetzt überall zu hören ist. Meine Eltern haben mir zum Geburtstag die Hand gegeben und auch wenn es einzelne Beweisfotos gibt, auf denen ich z.B. mit meinem Vater auf dem Sofa als dreijährige Mittagsschlaf mache oder ich mich auch erinnere, dass meine Mutter durchaus in späteren Jahren damit begonnen hat, mich zur Begrüßung oder zum Abschied in den Arm zu nehmen, so bleiben doch genau das Erinnerungen, die herausstechen, weil sie nicht selbstverständlich waren. Dass ich dennoch weiß, dass ich geliebt wurde von meinen Eltern oder auch geliebt werde in meinem Erwachsenenleben, liegt daran, dass Liebe viele Sprachen spricht, auch ohne dass es ganz wörtlich gesagt werden muss, dieses oft verklemmt-verhaltene, aufgeladene „Ich liebe dich“, das den Amerikanern so leicht von den Lippen geht und in jedem Film, jeder Serie seinen Platz hat, obwohl ich es persönlich aus der Nähe nicht so kenne.
Die 5 Sprachen der Liebe nach Chapmann
Wir kommunizieren Liebe jeden Tag, wir sagen es nur nicht so laut. In den 90er Jahren hat der Paartherapeut Gary Chapmann das Buch „Die 5 Sprachen der Liebe“ veröffentlicht. Er beschreibt darin seine Beobachtungen aus der Praxis mit Paaren. Später wurde an dieser Theorie weiter gearbeitet, sie wurde erweitert und dann kritisiert, festhalten lässt sich vielleicht, dass die Zahl 5 genau so willkürlich ist wie die Einteilung.
Halte ich mich nicht an der Theorie auf, sondern spüre in mich hinein, erinnere ich mich: Meine Mutter hat gekocht. Jeden Tag. Und was war sie für eine Köchin! Ich träume manchmal von ihrem Hasenbraten, der Kartoffelsuppe, den selbstgemachten Grießklößchen, ihren Salaten und Kuchen und ihrem Brot. Solange ich zu Hause wohnte gab es jeden Tag ein Pausenbrot, ein warmes Essen, eine Kaffeestunde. Und später, wenn ich zu Besuch kam, war das immer die erste Frage: Was soll ich dir zu Essen machen? Es hat mich oft genervt, die Frage kam schon wieder, kaum waren wir vom Tisch aufgestanden, aber das „Was soll ich dir machen“ wurde zum Synonym für „ich liebe dich“.
Hinter dem täglichen Zubereiten der Mahlzeiten steckte etwas, das für mich im Rückblick noch viel wertvoller war: es war die Beständigkeit, die absolute Zuverlässigkeit, dass immer etwas für mich da sein würde, die mir über viele Jahre ( in denen ich nicht so recht wusste, wie man eigentlich erwachsen ist, wie ich das jemals alles schaffen sollte) den Halt gegeben hat, durch Trennungen, Umzüge, Orientierungslosigkeit und Krisen hindurch weiterzumachen. Diese Zuverlässigkeit legte sie auch mit regelmäßigen Anrufen an den Tag oder mit dem obligatorischen Care-Paket zu Weihnachten mit Katzenkalender, Plätzchen und Linzertorte.
Wir waren uns in vielen Dingen fremd und wir haben uns mit Worten nicht wirklich verstanden, aber ihre Sprachen der Liebe sind bei mir angekommen. Andere Menschen in meinem Leben zeigen mir auf andere Art, dass ich ihnen wichtig bin. Sie nehmen sich Zeit zum Spazieren gehen, sind bereit mir zuzuhören und ihre Gedanken zu teilen, ich werde überrascht und umsorgt und gefordert, umarmt, je nach dem, was gerade ansteht.
Liebe im Alltag
Liebe begegnet uns an allen Orten, wenn wir bereit sind, sie zu sehen und anzunehmen. Und vor allem dann, wenn wir auch bereit sind, den Begriff größer zu fassen, über die romantische oder familiäre Liebe hinaus. Manchmal ist es wichtig, sich daran zu erinnern und die Antennen auszufahren – dann nehme ich es einfach als eine Sprache der Liebe, wenn meine superscheue Katze mir zur Begrüßung entgegenläuft und ein kurzes Streicheln zulässt. Oder wenn ein Autofahrer mich vorlässt. Wenn die Kassiererin sich an mich erinnert und mir auch in Abwesenheit der Kinder extra viele Stickerpäckchen zusteckt „für die Kleinen“. Oder mir jemand ein Kompliment macht. Ich spüre Liebe und Wertschätzung, wenn sich jemand Mühe gibt für mich oder an mich denkt. Liebe spricht nicht immer laut und deutlich, oft sind es die kleinen Gesten, die Verlässlichkeit, das Da-Sein an unverhoffter Stelle.
Chapmanns Kategorien
Chapmanns Kategorien waren übrigens:
- Lob und Anerkennung – wenn wir ermutigen, bestärken, zuhören
- Zweisamkeit – wenn wir unsere ganze Aufmerksamkeit schenken, gemeinsam Zeit verbringen und tiefe Gespräche führen
- Zärtlichkeit – wenn wir uns umarmen, körperlich zugewandt sind
- Geschenke – wenn wir aufmerksam sind, persönlich, dankbar
- Hilfsbereitschaft – wenn wir andere unterstützen, Dinge übernehmen oder den anderen entlasten
Wie wir durch Unwissenheit verletzen
Die Liste war wie gesagt ein erster Versuch einer Systematisierung. Spannender als diese Liste finde ich, darüber nachzudenken, wer eigentlich wie mit mir kommuniziert. Und bei wem ich welche Sprache bevorzugt einsetze. Und das Wissen darüber, wie wir Liebesbotschaften wahrnehmen (ob nun bewusst oder unbewusst) macht noch einmal ganz besonders deutlich, warum wir uns verletzt fühlen, wenn jemand im Gespräch auf sein Smartphone schaut, Geburtstage vergessen werden, die Spülmaschine wieder nicht ausgeräumt wurde. Und warum ich mich wirklich sehr geliebt fühle, wenn mein Mann die gemeinsame Steuererklärung macht.
Was ist deine Erfahrung?
Manchmal entsteht Distanz, weil wir die Bandbreite der Liebessprachen außer Acht lassen, gewissermaßen nur auf einer Frequenz empfangen und dabei wird auf allen anderen gesendet. Etwas ähnliches habe ich hier beschrieben: Den Partner hören . Und jetzt bin ich neugierig? Wie kommunizierst du am liebsten? Auf welchem Ohr bist du taub? Was war deine letzte überraschende Liebesbotschaft? Schreib mir gerne in den Kommentaren!